EB: Viele Investoren fragen uns: „Wenn alles so gut klingt – warum bleibt die Assetklasse dann trotzdem so stark untergewichtet?“ Wie erklärst du dieses Missverhältnis?
MM: Es ist ein strukturelles Phänomen. Die letzten zehn Jahre wurden von einem dominanten US-Markt geprägt. US-Technologie, US-Wachstum, US-Zinsen – ein Großteil der globalen Kapitalallokation lief automatisch dorthin. Emerging Markets standen schlicht im Schatten der außergewöhnlichen US-Outperformance.
Jetzt dreht sich etwas Entscheidendes: Vor der Iran-Krise konnten wir das Ende des Exzeptionalismus beobachten und Kapital wurde vermehrt wieder global allokiert. Das lag vor allem an der speziellen politischen Situation in den USA, die dann doch Investoren verunsichert hat, an der Bewertungssituation, an geopolitischen Neugewichtungen, aber auch daran, dass eine zunehmend multipolare Welt andere Renditequellen akzeptiert – oder sogar braucht.
Dazu kommt ein psychologischer Faktor: Viele institutionelle Investoren trauen dem eigenen Risiko-Management bei EM mehr zu als noch vor einigen Jahren. Wer früher sagte: „EM ist zu volatil“, sagt heute eher: „EM ist volatil, aber kontrollierbar – und attraktiv bepreist.“
Kurz gesagt, die Untergewichtung ist ein Relikt der Vergangenheit. Sie wird sich schrittweise normalisieren – und genau das eröffnet Chancen.
EB: Wenn wir über Chancen sprechen: Welche Regionen oder Segmente sind nach der jüngsten Krise besonders interessant?
MM: Rohstoffexporteure stehen klar im Fokus – nicht nur kurzfristig. Länder mit stabilen Leistungsbilanzüberschüssen und resilienten Haushalten profitieren überproportional, wenn Rohstoffpreise steigen oder stabil bleiben. Das sind häufig Staaten, deren Währungen strukturell Aufwertungspotenzial besitzen und die zusätzlich Reserven aufbauen können. Auf der anderen Seite gibt es klassische „Rebound-Kandidaten“ – Länder, die kurzfristig über-verkauft wurden, aber solide Grunddaten besitzen. Für aktive Manager ist das das attraktivste Spielfeld, denn hier lassen sich Bewertungsverzerrungen gezielt heben.
Im Hard-Currency-Segment sehen wir zudem eine Stabilisierung der Spreads auf Niveaus, die historisch betrachtet absolut attraktiv sind und ergeben so eine sehr attraktive Gesamtrendite. Im Local-Currency-Segment überzeugt die Kombination aus Aufwertungspotenzial bei den Währungen und hohen Realzinsen bei fallender Inflation – ein seltenes, sehr wertvolles Setup.
EB: Was bedeutet das alles für den mittelfristigen Ausblick? Ist die erwartete Outperformance realistisch – oder eher optimistisches Wunschdenken?
MM: Wir halten die Outperformance nicht für Wunschdenken, sondern für eine logische Konsequenz der aktuellen Struktur. Die Fundamentaldaten haben sich nicht verschlechtert – im Gegenteil, viele Länder sind heute widerstandsfähiger als vor der Krise. Die Kapitalflüsse haben gerade erst begonnen, während die Bewertungsspannen weiterhin attraktiv sind. Gleichzeitig steigt der Bedarf globaler Investoren an „echten“ Diversifikationsbausteinen, die langfristig tragen können.
EM-Anleihen vereinen genau das: Hohe Realrenditen, solide wirtschaftliche Basis, strukturelle Verbesserungen – und ein Umfeld, in dem Zinssenkungen in einigen Ländern schon weit fortgeschritten oder absehbar sind. Mittelfristig spricht deshalb alles dafür, dass EM erneut eine Phase der Outperformance erlebt. Die Korrektur war kein Warnsignal, sondern eine Gelegenheit.
EB: Vielen Dank für den interessanten Austausch, Markus!